Gießener Anzeiger vom 30.09.2011
"Neue Wurzeln" für geschundene Jugendliche
Volkshochschule, Diakonisches Werk und Friedrich-Feld-Schule starten "Bridge Gardening"
GIESSEN (fm). Mit einem offiziellen Spatenstich wurde gestern das Projekt "Bridge Gardening" gestartet, das die Volkshochschule Gießen zusammen mit dem Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werkes (DW) und der Friedrich-Feld-Schule (FFS) entworfen hat.
Schon seit drei Wochen sind 15 Jugendliche aus 13 Nationen auf einer bislang brachliegenden Fläche auf dem Außengelände der Volkshochschule in der Fröbelstraße 65 aktiv. Unter Anleitung des FFS-Lehrers und Integrationslotsen Abderrachim En-Nosse bearbeiten sie jede Woche drei Stunden lang den Erdboden. Zu den bisher eingesetzten Pflanzen zählen Kresse, Feldsalat, Spinat und Erdbeer-Setzlinge. "Zunächst pflanzen wir alles an, was nah am Boden ist", sagt En-Nosse. "Es geht von unten nach oben." Für ihn steht fest, dass Integration Gesichter braucht. Deshalb wollen er und seine Kooperationspartner die Öffentlichkeit informieren, "dass hier Integration stattfindet". Bis jetzt seien Menschen mit Migrationshintergrund in den Bereichen Natur und Umweltbildung und beim praktischen Engagement für das Gemeinwohl eher spärlich vertreten gewesen, sagt En-Nosse vor Journalisten. Deshalb soll das Projekt "Bridge Gardening" den Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen das Gefühl für "eine neue Heimat" vermitteln. Nach schweren Schicksalen in ihren Herkunftsländern und nach sehr belastenden Fluchterfahrungen leben die jungen Männer ohne Eltern und Familie in der Clearingstelle oder in Einrichtungen des Jugendmigrationsdienstes. Über die gemeinsame Arbeit an dem Projekt "Bridge Gardening" sollen sie im doppelten Sinne des Wortes "neue Wurzeln schlagen". Gleichzeitig steht für die Jugendlichen aus Pakistan, Afghanistan, Eritrea, aber auch aus Somalia, Indien und anderen Staaten das Erlernen von Teamfähigkeit im Mittelpunkt. "Auf diese Weise lernen sie auch die hier herrschenden Werte zu akzeptieren", hofft En-Nosse. "Das ist die Voraussetzung für Teilhabe und Partizipation". Die Unterrichtssprache ist Deutsch.
"Jeder soll die Persönlichkeit bleiben, die er ist, aber hier auch Wurzeln schlagen", erklärte Dr. Thomas Weyrauch, Regionalkoordinator des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Sichtlich erfreut über die multinationale Zusammensetzung der Gruppe gab er zu Protokoll: "Wir brauchen mehr Vielfalt." Dazu sei der gestrige Spatenstich ein erster Schritt. Weyrauch plädiert dafür etwas umzusetzen, was es bisher so noch nicht gab. "Gießen wird dadurch auf jeden Fall reicher." Für Ingrid Reuß vom Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werkes ist es wichtig, "etwas zu machen, was erdet". Insbesondere bei Jugendlichen, die noch keine Wurzeln haben. Von einer "win-win-Situation" sprach Maria Veith, weil sich die Jugendlichen "nebenbei" mit den zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten vertraut machen können. "Ich habe deutsche Namen für Pflanzen und Werkzeuge gelernt", sagt der 17-jährige Afghane Masoom, der seit fünf Monaten allein in Deutschland ist. "Der Garten-Kurs ist sehr gut." Besonders wichtig ist es den Veranstaltern, dass es sich um eine "offene Gruppe für alle Jugendlichen aus der Stadt und dem Landkreis" handelt. Denn im "Brücken-Garten" soll eine Verbindung zwischen den Jugendlichen, aber auch zwischen ihrer neuen und ihrer alten Heimat geschaffen werden.
Interessenten können sich wenden an: Maria Veith, Tel.: 0641/306-1475.







