Gießener Anzeiger vom 22.06.2011
Zweite große Liebe seines Lebens
Friedrich-Feld-Schule: Leiter Gerald Balser geht in Pension
GIESSEN (tt). Seit einer Woche, gesteht Gerald Balser, verspürt er so etwas wie Nervosität. Noch ist in diesen Tagen fast alles wie immer. Jeden Morgen fährt er nach Gießen in seine Schule. Lediglich die von ihm bewusst klein gehaltenen Abschiedsrunden mit dem Personalrat, den Kollegen oder Vertretern des Schulverwaltungsamtes weisen auf einen neuen Lebensabschnitt hin. Doch spätestens, wenn am 8. August das neue Schuljahr startet, werde ihm wohl bewusst werden, dass er offiziell nicht mehr zum Kollegium der Friedrich-Feld-Schule gehört. Als Pensionär wird sich dann auch der Blickwinkel verändern.
Erst spät, im Alter von 62 Jahren, ist Balser als Nachfolger von Werner Döring zum Leiter der traditionsreichen Gießener Berufsschule ernannt worden. Da gehörte Gerald Balser bereits seit mehr als 20 Jahren dem Schulleitungsteam an. Vor seiner Ernennung fungierte er als Vertreter von Döring. Der an der Friedrich-Feld-Schule gelebte Geist geht zu einem großen Teil auf ihn zurück. Bis zum letzten Schultag legt der Diplom-Ökonom größten Wert auf eine gegenseitige Wertschätzung. Dies betreffe einmal die Kollegen untereinander, die Beziehung zwischen Schulleitung und Kollegium und vor allem gelte dies für das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern.
"Lehrer sollen Schüler wertschätzen, ihnen bei Problemen helfen und sie nicht aussortieren", lautet die Maxime des Pädagogen. Balser spart dabei nicht mit Kritik an der Entwicklung, wie sie heute vielfach an anderen Schulen ablaufe. "Viele Lehrer wünschen möglichst homogene Gruppen, mit denen sie wenig Arbeit haben. Wer als Schüler da nicht hineinpasst, wird herausgeekelt." Die Nerven, die Schüler in jungen Jahren verlören, bekämen sie nie wieder zurück. Ein auch heute noch gerne strapazierte Weisheit, "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" stimme in keinster Weise. "Hans muss lernen bis ans Lebensende." Seiner Schule wünscht er, "dass sie menschlich bleibt". Die Bürokratie dürfe niemals in den Vordergrund treten. Zum Lehrerberuf gehöre eine gewisse Demut, dass man sich nicht zu wichtig nehme. "Da überschätzt Schule sich gewaltig." Es sei für ihn stets eine Freude gewesen, mit jungen Menschen arbeiten zu dürfen und sie auf ihrem Lebensweg begleiten zu können. "Das macht diesen Beruf so einmalig."
Um ein Haar wäre Gerald Balser gar nicht an der Friedrich-Feld-Schule gelandet. Die Autoindustrie hatte es ihm angetan. Und noch heute gilt Autos sein besonderes Augenmerk. Nach dem Wirtschaftsstudium in Gießen begann er 1971 bei Volkswagen in Wolfsburg eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Drei Jahre, von 1972 bis 1975, gehörte er als Planer und Koordinator der dreiköpfigen Zentralen Marketingabteilung an. Dort gehörte die Namensgebung neuer Modelle zu seinen Aufgaben. Nicht ganz ohne berechtigten Stolz bemerkt er, dass die Namen "Scirocco" und "Golf" auf seine Kollegen und ihn zurückgehen.
Exklusiv von Gerald Balser stammt die Bezeichnung "Polo" für den seit 1975 gebauten Kleinwagen des Konzerns. "Meine Liebe zu VW war eine ganz heiße Liebe, aber, wie im richtigen Leben in solchen Situationen, war sie von kurzer Dauer", erinnert er sich. Nach vier Jahren bei Volkswagen sattelte Gerald Balser um und trieb seine Lehrerausbildung ("meine zweite Liebe, die sich als beständiger erwies") voran. Diese führte ihn am 1. Februar 1976 an die Friedrich-Feld-Schule, die heute von 1200 Schülern, die von 70 Lehrern unterrichtet werden, besucht wird. Untrennbar mit ihm verbunden ist vor allem das Lernbüro, ein simuliertes Großhandelsunternehmen der Bürobedarfsbranche, wo Schüler an die berufliche Praxis geführt werden.
Hier will er auch nach seiner Pensionierung wohl dosiert seine Erfahrungen einbringen. Der Förderverein kann ebenfalls auf ihn zählen. Mehr Zeit will Gerald Balser, der übrigens der erste Schulleiter in Hessen war, dessen Antrag auf Verlängerung das Kultusministerium genehmigt hat, künftig in seine sportlichen Hobbys stecken: Badminton, drei Mal in der Woche Fitness sowie Radtouren, oft nach Wetzlar, gehören zu seinem Programm. "Aber es wird gewiss eine Umstellung", sagt der 67-Jährige zum Abschluss.
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